Marianne Cohn

17. September 1922 - 8. Juli 1944

Fluchthilfe für jüdische Kinder

Frankreich

Familie

Marianne Cohn wird 1922 in Mannheim in eine jüdische Familie geboren. Sie hat eine jüngere Schwester Lisa. Die Mutter Margarete Cohn hat Nationalökonomie in München studiert. Ihr Vater Alfred Cohn musste sein Studium in Kunstgeschichte aus wirtschaftlichen Gründen abbrechen. Er arbeitet später als leitender Angestellter in der Metallindustrie.

Marianne und Lisa Cohn gehen in einen Montessori-Kindergarten, der für eine fortschrittliche Erziehung bekannt ist. Als Kinder schreiben die Schwestern gerne Gedichte.

Kindheit und Flucht

Die Familie Cohn zieht 1928 nach Berlin. Der Vater übernimmt dort eine Tätigkeit als Geschäftsführer einer Maschinenfabrik. Marianne Cohn besucht zuerst die Volksschule, anschließend ein Mädchengymnasium. Sie ist eine gute Schülerin.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 entscheidet sich die jüdische Familie Cohn zur Flucht aus Deutschland. Sie emigriert 1934 nach Barcelona.

Leben in der Emigration

Die wirtschaftliche Situation der Familie in Barcelona ist schwierig. Der Vater verkauft Modeschmuck und vermietet zwei Zimmer in ihrer kleinen Wohnung. Die Töchter besuchen eine Schweizer Schule.

Mit Ausbruch des spanischen Bürgerkrieges 1936 wird die Lage der Familie noch unsicherer. Die Eltern schicken die 14-jährige Marianne und die 12-jährige Lisa Cohn zunächst zu Verwandten nach Paris. Mit einer Hilfsorganisation kommen sie danach in die Schweiz. Im April 1938 müssen die Schwestern die Schweiz verlassen und sind wieder in Paris bei Verwandten untergebracht. Später leben sie in Moissac im Südwesten Frankreichs in einem Kinderheim der Pfadfindervereinigung Éclaireurs israélites de France. Diese jüdische Organisation kümmert sich um gefährdete jüdische Kinder. Im Moissac treffen Marianne und Lisa Cohn 1941 ihre Eltern wieder.

Widerstand in der Résistance

Seit März 1943 arbeitet Marianne Cohn als Kinderfürsorgerin bei der Jugendorganisation Mouvement de la Jeunesse Sioniste (Jüdische Jugendbewegung). Mit ihrem Gehalt kann sie auch ihre Eltern und ihre Schwester versorgen.

Marianne Cohn schließt sich zudem der Widerstandsgruppe Organisation juive de combat (Jüdische Kampforganisation) an, die versucht, jüdische Kinder über die Grenze illegal in die neutrale Schweiz zu bringen. Kleine Gruppen von Kindern werden nachts etappenweise über die Grenze gebracht. Bis September 1943 gehen drei bis vier dieser heimlichen Kindertransporte wöchentlich in Richtung Schweiz.

Unter dem Decknamen Marianne Colin verhilft Marianne Cohn mehr als 200 jüdischen Kindern und Jugendlichen zur Flucht in die Schweiz.

Verhaftung und Tod

Am 31. Mai 1944 wird Marianne Cohn bei einer Rettungsaktion an der französisch-schweizerischen Grenze entdeckt. Mit 28 Kindern wird sie im Gestapo-Gefängnis der Stadt Annemasse gefangen gehalten. Einen Plan zu ihrer Befreiung lehnt sie ab, um die Kinder und Jugendlichen nicht zu gefährden. Dem Bürgermeister der Stadt Annemasse gelingt es, mit den deutschen Besatzungstruppen zu verhandeln und die Kinder zu retten.

Marianne Cohn wird im Gestapo-Gefängnis von Annemasse bei den Verhören schwer misshandelt. Am 8. Juli 1944 wird sie mit anderen Widerstandskämpfern und Widerstandskämpferinnen ermordet.

Marianne Cohns Schwester Lisa und ihre Eltern können den Krieg im Untergrund überleben.

Erinnerung

An Marianne Cohn wird an zahlreichen Orten in Frankreich und Deutschland erinnert.Es gibt in beiden Ländern Schulen und Straßen, die nach ihr benannt sind.

Seit 2007 erinnert ein Stolpersteine in Berlin-Tempelhof an sie. Ein weiterer Stolperstein befindet sich in ihrer Geburtsstadt Mannheim.

Die früheste Ehrung hat jedoch in Frankreich stattgefunden. 1945 wird ihr dort posthum das französische Kriegskreuz mit silbernem Stern verliehen.

Widerstand von Jüdinnen und Juden in Frankreich

Nach dem deutschen Überfall auf Frankreich und der Teilung des Landes im Juni 1940 fliehen viele Jüdinnen und Juden von der besetzten Nordzone in die unbesetzte Südzone. Darunter sind auch jüdische Menschen aus Deutschland, die nach Frankreich geflohen sind.

Mit der deutschen Besetzung des Landes sind Jüdinnen und Juden auch in Frankreich der rassistischen Verfolgung durch die Nationalsozialisten und Vichy-Regierung ausgesetzt.

In Toulouse, Lyon, Grenoble und Marseille im Süden Frankreichs werden Organisationen zur jüdischen Selbsthilfe gegründet. Die Organisation juive de combat koordiniert materielle Hilfe, falsche Papiere und Verstecke.

Die Éclaireurs israélites de France ist eine jüdische Pfadfinderbewegung, die bereits seit 1923 existiert. Nach 1940 gründen sie in der Südzone Aufnahmezentren für jüdische Kinder. Die Vichy-Regierung verbietet die Organisation im November 1941. Danach kümmert sich die Unterorganisation La Sixième um falsche Papiere, Verstecke und um die Flucht der Kinder in die Schweiz.