Familie
Germaine Tillion wird 1907 in Allègre in der Auvergne geboren. Ihre Eltern interessieren sich für Kunst und verfassen zusammen bekannte Reiseführer.
Germaine Tillion und ihre zwei Jahre jüngere Schwester Françoise genießen eine moderne, weltoffene und liebevolle Erziehung.
1922 zieht die Familie nach Saint-Maur in der Nähe von Paris.
Studium und Aufenthalt in Algerien
Während ihrer Studienzeit in Paris beschäftigt sich Germaine Tillion mit vielen Fächern. Sie widmet sich dann aber der Ethnologie, der Erforschung verschiedener Kulturen. Sie besucht gerne Ausstellungen und Theateraufführungen, fährt Zelten und betreibt Kanusport.
1934 geht Germaine Tillion nach Algerien, um als Ethnologin die Lebensweise der Bewohnerinnen und Bewohner in den Aurèsgebirgen zu dokumentieren.
Hilfe für Verfolgte
Im Juni 1940 ist Germaine Tillion wieder in Frankreich und erlebt vor Ort die Niederlage Frankreichs und den Schock des Waffenstillstands. Gemeinsam mit ihrer Mutter Emilie will sie verfolgten Menschen helfen. Sie leihen ihre Ausweispapiere einer jüdischen Familie, damit diese sie bei Polizeikontrollen vorzeigen kann.
Im Verein Union nationale des combattants coloniaux (Nationale Union der Kolonialsoldaten) organisieren sie Fluchtwege aus der besetzten Zone für französische Soldaten, die aus deutscher Kriegsgefangenschaft geflohen sind. Auch Soldaten aus den französischen Kolonien ermöglichen sie die Flucht in die nicht-besetzte Zone. Diese sind aufgrund der rassistischen Ideologie der Nationalsozialisten einer besonders großen Gefahr ausgesetzt. Germaine Tillion stellt für sie falsche Papiere her und übermittelt Nachrichten. Mutter und Tochter verstecken die geflohenen Soldaten auch bei sich zu Hause.
Verhaftung und Deportation
Germaine Tillion wird im August 1942 in Paris festgenommen, am gleichen Tag wie ihre Mutter. Nach über einem Jahr Haft in französischen Gefängnissen wird Germaine Tillion im Oktober 1943 in das Konzentrationslager Ravensbrück in der Nähe von Berlin deportiert.
Um zu überleben, versucht Germaine Tillion das Konzentrationslager als Ethnologin zu betrachten und zu analysieren. Im Lager hält sie Vorträge für andere Gefangene, um sie intellektuell zu fordern. So sollen sie ihre Würde bewahren.
Germaine Tillion verfasst die Operette „Le Verfügbar aux Enfers“ („Der Verfügbare aus der Unterwelt“) für die anderen Gefangenen. Das Manuskript kann sie in einer Kiste verstecken und bis zu ihrer Befreiung aufbewahren.
Germaine Tillions Mutter Emilie überlebt die Haft im Konzentrationslager Ravensbrück nicht. Sie wird am 2. März 1945 ermordet. Am 23. April 1945 wird Germaine Tillion vom Schwedischen Roten Kreuz befreit.
Nach 1945 und Erinnerung
Nach Kriegsende setzt sich Germaine Tillion für die Aufarbeitung der NS-Verbrechen ein. Ihr Leben lang ist sie aktiv gegen Krieg, Ausgrenzung und Armut. In den 1950er Jahren unterstützt sie die Bestrebungen Algeriens, von Frankreich unabhängig zu werden. Sie engagiert sich für die Beendigung des französisch-algerischen Krieges. Germaine Tillion stirbt 2008 in der Nähe von Paris.
An Germaine Tillion wird vielfältig erinnert: Schulen, Bibliotheken und Straßen sind nach ihr benannt, über ihr Leben werden Filme und Bücher veröffentlicht.
2015 wird Erde aus ihrem Grab in den Pariser Panthéon gebracht. Die umgewidmete Kirche ist die nationale Gedenkstätte für berühmte Persönlichkeiten der französischen Geschichte.
Die Résistance in der besetzten Zone
Die Résistance in der besetzten Nordzone Frankreichs ist gekennzeichnet durch den frühen Widerstand einer Vielzahl kleiner Gruppen und die Vielfalt von Widerstandsaktionen. Ihre Aktionen richten sich gegen die deutsche Besatzungsmacht.
Schon kurz nach der deutschen Besetzung im Sommer 1940 verteilen die Menschen im Widerstand Flugblätter, drucken Zeitungen der Untergrundpresse oder planen Aktionen zur Rettung von Kriegsgefangenen. Im Laufe der Zeit schließen sich diese kleinen Gruppen mit anderen zusammen.
Diese Gruppen werden von der deutschen Besatzungsmacht mit aller Härte verfolgt und ihre Mitglieder sind vielen Repressionen ausgesetzt. Nach ein paar Monaten werden fast alle Gruppen zerschlagen. Sie organisieren sich neu und verstärken ihre Widerstandsaktivitäten.
Ende 1942 besetzen deutsche Truppen auch den Süden Frankreichs. Nun versuchen die verschiedenen Gruppen der Résistance sich in ganz Frankreich zusammenzuschließen. Es entsteht eine Widerstandsbewegung mit vielfältigen Formen des Widerstands, dazu gehören auch Anschläge auf Einrichtungen und Vertreter der Besatzungsmacht.
Titelseite der Operette "Verfügbar in der Unterwelt", 1944
Quelle: Musée de la Résistance et de la Déportation de Besançon © La Martinière
Germaine Tillion wird im Oktober 1943 in das KZ Ravensbrück deportiert. Sie und die anderen Häftlinge wollen sich gegenseitig emotional stärken und mit kreativen Mitteln Widerstand leisten. Germaine Tillion verfasst die Operette „Verfügbar aux Enfers“. Darin beschreibt sie auf humorvolle Weise die unerträglichen Lebensbedingungen im Lager im Winter 1944/45.
Als „Verfügbar“ wurden von der SS Häftlinge bezeichnet, die nicht einem speziellen Arbeitskommando zugeteilt waren, sondern für jede Arbeit im KZ herangezogen wurden.
Linke Seite: Beschreibung und Abbildung eines „Verfügbaren“, Rechte Seite: Vorstellung der verschiedenen Protagonisten.
Gâteau de bananes
Bananes écrasées epluchées
Incorporer 150g de beurre
Noix pilées
Zeste, sucre à volonté
BINZ (Dorothea Binz war eine gefürchtete Oberaufseherin in Ravensbrück)
Autre recette
Sauce anglaise
Un peu d’ail
Hacher des fines herbes
Raper une noix de coco
Eplucher des amandes amères
Naper le riz avec la sauce
SUHREN (Fritz Suhren war Lagerkommandant von 1943 bis 1945)
Potage maigre
Kub
Epinards ou oseille
Gruyère rapé
Eplucher quelques légumes
de saison
Lait à volonté
KEGEL (Max Koegel war Lagerkommandant bis 1943)
Übersetzung:
Bananenkuchen
Bananen zerdrücken schälen
in 150g Butter einarbeiten
Nüsse, gemahlen
Zitronenschale, Zucker nach Belieben
weiteres Rezept
Sauce nach englischer Art
und etwas Knoblauch
hacken Sie ein paar Kräuter
raspeln Sie eine Kokosnuss
ein paar bittere Mandeln schälen
nappieren Sie den Reis mit der Soße
Magere Suppe
Kub-Brühwürfe
etwas Spinat oder Sauerampfer
geriebener Gruyère
etwas saisonales Gemüse schälen
letzte Zutat: Milch nach Belieben
Während ihrer Gefangenschaft im Konzentrationslager Ravensbrück von Oktober 1943 bis April 1945 dokumentiert Germaine Tillion die Namen von SS-Täterinnen und SS-Tätern des Lagers verdeckt in Kochrezepten: Nimmt man die ersten Buchstaben jeder Zeile und liest sie von oben nach unten, entstehen Namen von Täterinnen und Tätern. Mit diesen „Kochrezepten“ will Germaine Tillion dazu beitragen, dass diese Personen in der Nachkriegszeit zur Rechenschaft gezogen werden.